Datum=26.02.1998; Quelle=Liechtensteiner_Volksblatt; Ausgabe=45; Ressort=Inland; Seite=4; Sektion=A;
Warum muss ich mich verstecken?
«FLay»: Selbsthilfegruppe für Schwule und Lesben
«Eigentlich sollte man sagen: Schaut her, ich habe zwei Hände, zwei Füsse, ich bin nicht krank, ich bin wie ihr - aber ich bin schwul. Aber leider reagiert unsere Gesellschaft immer noch anders: Du schwule Sau, du verdirbst meine Kinder, machst uns krank. Ausserdem gibt es immer noch total veraltete Gesetze, die diskriminierende Auswirkungen haben.»
Für viele Schwule und Lesben ist es auch heute nicht einfach, zu ihren Neigungen zu stehen und ganz normal, ohne Versteckspiele, leben zu können. Aus diesem Grund wurde anfangs 1996 eine Selbsthilfegruppe gegründet. Der Name «FLay» ist eine spielerische Wortkombination zwischen Fürstentum Liechtenstein und gay, was im Englischen homosexuell bedeutet.
Der Arbeitskreis
Seit zehn Jahren nehmen Hunderte Menschen in Gesprächsrunden der Selbsthilfegruppen teil, «Menschen, die leiden, an sich, der Gesellschaft, durch den anderen, die hoffnungslos geworden sind, sensibel Widersprüche spüren und daran zu zerbrechen drohen». Annie Spalt, die zusammen mit Marcus Büchel seit zehn Jahren in und für die SHG arbeitet, sagt dazu: «Selbsthilfegruppen (SHG) sind keine Therapiegruppen, aber auch keine Kaffeekränzchen. Bei den regelmässigen Treffen sprechen gleichermassen Betroffene miteinander. So kann selbst Durchlittenes vermittelt werden. Zu spüren, dass man mit seinem Problem nicht allein dasteht, dass man in sich mehr Kraft findet als vermutet, dass anderen geholfen werden kann, bringt einen weiter».
Lesben und Schwule
In einem Gespräch mit zwei, die in der SHG «Flay» aktiv sind, erfuhren wir mehr. Sie: «Mit etwa 11 Jahren spürte ich eine starke Zuneigung zu meiner damaligen Freundin. Zuerst verdrängte ich das. Es tauchte aber immer stärker auf, liess sich nicht weglügen. Jetzt stehe ich zu meinen Neigungen und bin glücklich damit. Durch ein Inserat erfuhr ich von der SHG «FLay». Die Gruppe unternimmt eine Reihe von gemeinsamen Aktivitäten: Wandern, Kino, Grillabende usw., oft auch gemeinsam mit den Schwulen. Die Gruppe zählt insgesamt etwa 30 Personen, davon fünf Frauen. Das ist übrigens in anderen Regionen ähnlich. Anscheinend suchen Frauen das Mitwirken in einer Gruppe weniger.» Er: «Im Moment habe ich keine feste Beziehung, habe aber Sehnsucht danach. Schon früh habe ich meine Neigung gespürt und hatte deshalb nie eine Freundin. An meinem Arbeitsplatz weiss niemand davon. So kann ich unerkannt immer wieder Gespräche über Homosexualität anzetteln, um zu sehen, ob sich in unserer Gesellschaft die Toleranz steigert. Das ist aber leider nicht der Fall. Warum werden Schwule und Aids immer in Zusammenhang gesehen? Ich kenne keinen HIV- oder Aids-Schwulen. Allen meinen Freunden und Bekannten habe ich gesagt, dass ich schwul bin. Bis auf eine Ausnahme haben es alle akzeptiert, tolerieren es und grenzen mich nicht aus. Das gilt übrigens auch für meine Eltern.» Sie: «Das ist bei mir ganz genau so.» Er: «Der Gruppe habe ich mich angeschlossen, weil man dort offen miteinander über alle Probleme sprechen kann, gemeinsame Unternehmungen macht, z.B. der Besuch entsprechender Lokale in Zürich. Mir dient die Gruppe auch als Hilfe, mir selbst offen einzugestehen, dass ich eben so bin. Das hilft sehr, den Schritt in die Öffentlichkeit zu erleichtern.»
Regelmässige Treffen dienen dem Erfahrungsaustausch
In regelmässigen Treffen werden Erfahrungen ausgetauscht, wird über verschiedene Unsicherheiten von Betroffenen selbst und von deren Angehörigen gesprochen. Nicht zu kurz kommen aber auch der gemeinsame Spass und die Freude am Leben. Deshalb werden gemeinsame Freizeitaktivitäten gestaltet. Wer in einer ungezwungenen Atmosphäre Gleichgesinnte treffen und neue, positive Erfahrungen machen will, der kann sich melden bei der Kontaktadresse: FLay, Postfach 207, 9494 Schaan, Tel. 075/ 232 05 20. Vertraulichkeit ist selbstverständliche Ehrensache.
Gerolf Hauser