Liechtensteiner Vaterland vom 20.Oktober 1999 - Interview mit Pfarrer Buralli, Nendeln
Sexulle Vererirrung? Total normal? Entwicklungsstörung?
Entkriminalisierung der Homosexualität: Im Gespräch mit Pfarrer Adriano Burali
Im letzen Jahrhundert gab es für Homosexualität gab für Homosexuelle fünf Jahre Kerker. Heute wird sie von vielen - aber noch lange nicht von allen - Liechtensteinern akzeptiert und mit der Heterosexualität gleichgestellt. Diese Woche wird das Thema im Landtag behandelt.
bj.- Adriano Burali, der Nendler Pfarrer, vertritt als Repräsentant des christlichen Glaubens die Enthaltsamkeit als Lösung des "Problems der Homosexualität". Homosexuelle haben die gleiche Würde wie Helerosexuelle, doch ist der gleichgeschlechtliche Akt nicht zu tolerieren, da er kein Fundament der Familie darstellen kann. Für den Kardinal von Bologna ist Homosexualität gar eine «soziale Verirrung, die einen Angriff auf die Familie darstellt».
Vaterland: Wie ist die Haltung der Kirche gegenüber homosexuellen?
Adriano Burall: Personen werden nicht rein nach ihrer Sexualität beurteilt. Es wäre eine Reduktion, wenn eine Person nur nach der Sexualität beurteilt wird. Die Kirche verurteilt nicht den Homosexuellen an sich, sondern nur den homosexuellen Akt. Die offizielle Lösung der Kirche für Homosexuelle ist in Enthaltsamkeit zu leben und den Akt nicht auszleben. Man bindet Sexualität immer in die Familie ein, sie hat in der Ehe zum Sinn der Familie Platz - Stichwort: «liebet und vermehret euch>. Familie -ist das Fundament der Gesellschaft. Da Gleichgeschlechtliche Paare mit ihrer Freundschaft aus biologischen Gründen -keine Kinder bekommen können, ist -das, was sie machen, nach der Kirche nicht richtig, egal ob ausser- oder innerhalb der Ehe oder in Liebe.
Die Bibel ist ein für viele Interpretationen offenes Buch. Kann in der Bibel nichts gefunden werden das die gleichgeschlechtliche als Ausdruck der Zuneigung schützt?
Adriano Burall: Das stimmt, die Bibel lässt viele Interpretationen offen, man kann fast alles daraus herausnehmen. Ich habe aber einige Stellen gefunden, die sich klar gegen Homosexualität richten: z. B. "in die Verdorbenheit der Männer", wo im alten Testament folgende Szene beschrieben wird: Wo sind die Männer, die heute Abend zu dir gekommen sind, gib sie heraus, wir wollen mit ihnen Verkehr haben. Es gibt in der Bibel das Verbot der Geschlechtlichen Verirrung.» Verwirrung druckt aus, dass Homosexualität nicht in den natürlichen Schöpfungsplan passt. In diesen Bibelzitaten druckt sich aus, dass die Männer nur als Sexualobjekte angesehen werden. Die Art und Weise, wie diese Liebe ausgedruckt wird, ist falsch und passt nicht in das Schöpfungskonzept.
Die meisten Pärchen leben schon vor der Hochzeit zusammen trotzdem bekommen sie das Sakrament der Ehe. Kann man gegenüber den Homosexuellen nicht auch eine grössere Toleranz beobachten?
Adriano Burali: In der evangelischen Kirche gibt es Segnungen von Homosexuellen Paaren, was für diese einer Hochzeit gleichkommt. Die Katholische Kirche hat sich entschlossen, nichts dergleichen zu machen, da die Paare sonst glauben, dass sie das gleiche Sakrament - die gleiche Segnung - haben wie andere Paare. Wir wollen überhaupt keine Zeichen geben, die einer Hochzeit ähneln könnten. In der Praxis passiert es natürlich oft, dass ich bei einem Gespräch vor der Hochzeit merke, dass ein Paar schon zusammenlebt; ich könnte ihnen knallhart sagen, sie sollen zuerst eine Weile enthaltsam leben, bevor sie heiraten dürfen. Das ist aber nicht mehr möglich, deshalb müssen die Geistlichen diesen Punkt hinnehmen. Die Kirche möchte sich aber prinzipiell nicht vom Zeitgeist leiten lassen, sondern auf die Traditionen schauen. Die Homosexualität ist so ein Punkt, an den wir uns, sei es wie es wolle, ganz bestimmt nicht anpassen wollen. Der Kardinal von Bologna sagte letzhin gewissermassen als Richtlinie: «Die moralischen, kulturellen und sozialenVerirrungen sind eine Folge des Verlusts des gesunden Menschenverstands, und dieser Verlust ist eine Folge des Verlusts Gottes. Heute ist das Ziel dieser finsteren Aggression der Angriff auf die Familie.» Das druckt pointiert und vielleicht etwas überspitzt aus, weshalb die Kirche gegenüber der Homosexualität strikt Nein sagt. Die Familie kommt immer zuerst.
Wenn die Kirche diese Definition nicht' verteidigt, wer tut es dann noch? Es gibt Priesterkollegen die anderer Meinung sind (z. B. evangelische Priester). Wir verteidigen diese Position auch gegen die Parteien und die Regierung. Es gibt auch Priester die Homosexuelle segnen, obwohl sich die Bibel und die neueren Richtlinien der Kirche dagegen aussprechen. Diese Entwicklung finde ich natürlich schlecht; das spaltet die Kirche auf.
Wie stehen Sie persönlich dazu dass Homosexuelle mehr Rechte bekommen sollen - dass das Sexualstrafrecht überarbeitet wird?
Adriano Burall: Wenn ich das Ganze akzeptiere, komme ich mit der Theologie in Konflikt. Als Priester kann ich nicht Ja sagen, weil dies eine Duldung darstellen werde. Ich könnte auch zur Herabsetzung des Jugendschutzalters nicht Ja sagen, weil ich so den ausserehelichen Geschlechtsverkehr akzeptieren. Darauf kann ich eigentlich keine richtige Antwort geben. Was ich viel wichtiger finde, ist, dass Homosexuelle das Recht bekommen, sich im Spital zu besuchen und dass sie ein Erbrecht bekommen. Das Ziel der Vereinsgründung mit dem Recht auf Sexualität ist recht eindeutig und widerspricht der Schöpfungstheologie, weshalb die Kirche dies nicht gutheissen kann. Es ist eine Grauzone; sie sollen sicher zivilrechtlich das Recht haben, einen Verein zu gründen, die Frage ist aber, was sie in dem Verein tun (die Kirche richtet sich gegen das Tun und gegen die Werbung für die gleichgeschlechtliche Sexualität). Sie bekämen sicher keine Schützenhilfe von der offiziellen Kirche. Konkret wurde ich einer Vereinigung nicht erlauben, dass sie sich in einem Kirchengemeindehaus treffen können. Es stellt sich bei der Abstimmung auch die Frage, welches Fundament der Staat hat. In der alten schweizerischen Bundesverfassung hiess es «im Namen Gottes», somit wird das christliche Element miteinbezogen. Wenn ein Staat das Christentum mit einbezieht, bejaht er auch die Kirche. Für einen liberalen Staat, der das Christentum ausschliesst, ist Glaube Privatsache.
Ist Homosexualität in den Augen der Kirche eine Krankheit, eine Verirrung? Wie ist Ihre persönliche Meinung?
Adriano Burali: In der Bibel wird Homosexualität als unnatürliche Verirrung oder Verwirrung ausgedruckt. In der Wissenschaft gibt es zwei Thesen: die eine lautet, dass Homosexualität genetisch bedingt ist, die andere, dass es sich um eine Entwicklungsstörrung handelt. Ich finde die These, die von einem Psychologen vertreten worden ist, sehr überzeugend: unbewusst übernimmt ein Partner in einer homosexuellen Beziehung die Rolle der Frau bzw. des Mannes und kehrt somit unbewusst in das natürliche Verhaltensschema von Frau und Mann zurück. Das ist ein Beweis dafür, dass das Verhalten das natürliche ist und dass in der Entwicklung einer homosexuellen Person, zwischen dem viert en bis sechsten Lebensjahr, eine Störung stattgefunden hat. Diese These klingt für auch einleuchtend.